An sich ist es firm in digitalen Fragen nach dem Supercrashkurs, aber seit der Weihnachtsstress so richtig anfing, kommen ihm immer wieder ein paar Dinge durcheinander. „Gabriel!”, ruft das Christkind. „Allein 7.583 SMS in den vergangenen zehn Minuten. Gar nicht zu reden von den WhatsApps. Wie stoppt man dieses Wünschebombardement? Hilfe!”

Der Engel nimmt das Handy. „Stoppen liegt nicht in meiner Kompetenz, das müsstest du den Kindern sagen. Aber reg dich nicht auf, wir kriegen das hin.” Dein Wort in Papas Ohr, denkt das Christkind und leistet sich einen Augenblick der Nostalgie. War schon was anderes damals, als die Kinder ihre Briefe noch ins Fenster gelegt hatten. Sicher, mit den neuen Medien geht alles viel schneller, aber kreativer waren sie schon, die Briefe. Mit schönen Zeichnungen auf schönem Papier. Manchmal war sogar ein kleines Geschenk dabei. Eine Schokolade oder ein Milchzahn. Das Christkind seufzt. Blöde Nostalgie, ermahnt es sich, willst du immer noch von Fenster zu Fenster fliegen, bei Eis und Kälte, mit dem schweren Sack auf dem Buckel. Jetzt sitzt du bequem vorm Computer und hast alle Wünsche auf dem Bildschirm. Da geht nichts mehr verloren. Du träumst doch heute noch manchmal von den enttäuschten Kinderaugen, wenn du ein Geschenk vergessen hattest. Also konzentriere dich und mach weiter.

„Gabriel!”, ruft das Christkind, „ich komme aus diesem Programm nicht mehr raus!” Der Engel setzt sich an den Computer. Zwei Klicks und die digitale Welt ist wieder in Ordnung. „Bitte sehr, alles wieder gut.” Vielleicht sollte ich den zweiten Crashkurs belegen, den der Weihnachtsmann empfohlen hat, denkt das Christkind. Obwohl, was heißt das schon? Er hat zwar im Silicon Valley studiert, aber schneller ist er trotzdem nicht auf dem kleinen Touchscreen mit seinen Pranken. Da bin ich mit den Engelsfingern besser dran. Vielleicht brauchen wir nur noch einen zusätzlichen Helfertrupp, gibt ja genug Engel in der Cloud. „Gabriel!”, ruft das Christkind, „wir brauchen mehr Engel, die mir unter die Flügel greifen, kannst du die online bestellen?”
„Schon erledigt. Sonst noch was?”
„Halt bitte kurz die Stellung. Ich flieg schnell eine Runde, brauch frischen Wind um die Ohren.” 

Unwillkürlich nimmt das Christkind die Route, auf der es früher die Briefe aus den Fenstern eingesammelt hat. Und siehe da, hier liegt noch einer. In einem schönen hellblauen Kuvert. Für das liebe Christkind. Von Kathi. Das Christkind lächelt und schickt eine WhatsApp-Nachricht an Gabriel. „Schau, was ich gefunden habe!”
„Cool, hab’s auch gerade in meiner Brief-Finde-App entdeckt.”
Diese Technik.


- von Lauren Seywald