Manfred weiß nicht, was er tun soll. Dafür haben sie kein Notfallszenario mit ihm einstudiert. Sie haben ihm beigebracht, wie er die Äste stramm hält, damit er nur ja keine Kugel fallen lässt. Sie haben mit ihm geübt, wie er stehen muss, damit er das Gewicht des Schmucks gut tragen kann. Und sie haben ihm beigebracht, dass er ganz ruhig bleibt, wenn die Kerzen angezündet werden. Das alles beherrscht er, ohne mit einer Nadel zu zucken. Er war der Beste gewesen in der Christbaumschule. Die anderen Baumschüler hatten ihm auf die Zweige geklopft und gesagt: Die Familie, die dich bekommt, kann sich glücklich schätzen. Sie waren eine verschworene Gemeinschaft gewesen, die diesjährigen Christbaumanwärter. Jetzt war er allein, und sie fehlten ihm.

Ein leises Knarren reißt Manfred aus seinen Gedanken. Irgendetwas bewegt sich an der Türe. Er dreht sich leicht in seinem Holzkreuz, bis sich das Lametta um ihn strafft. Er spürt einen Lichtstrahl, der sich ins dunkle Zimmer verirrt. Auf Licht reagieren Silbertannen so empfindlich wie jeder Baum, da täuschen sie sich nicht. Der Strahl wird breiter, ein Schatten schiebt sich durch den Türspalt, dann ist es wieder dunkel. Manfred spitzt die Nadelohren. Und prompt, da tapsen ganz kleine Füße auf ihn zu. Ganz kleine Hände berühren ihn. Und ein ganz kleines Stimmchen sagt: „Keine Angst, Baum, du brauchst nicht zu zittern, ich tu dir nichts, ich wollte nur ein bisschen bei dir sein.”

Manfred beugt sich ein Stück zu der Kleinen hinunter. Er kennt sie, sie ist das Nesthäkchen der Familie, vor der er immer versteckt werden sollte. „Hat sie also doch etwas mitbekommen”, murmelt er in seinen Stamm hinein.
„Natürlich”, sagt die Kleine, „die Erwachsenen sind so leichtgläubig, wenn es ums Christkind geht.” 
„Aha”, sagt Manfred und stellt die Nadeln auf. „Du kannst mich verstehen?”
„Du mich doch auch”, antwortet die Kleine.
Manfred, die Silbertanne, lächelt.
„Hast du das Christkind gesehen?”, fragt die Kleine.
Manfred schüttelt die oberen Äste. „Du?”
„Nur gehört”, meint die Kleine, „am Glöckchen.”
„Wo sind denn die anderen?”
„Die kümmern sich um die Gans. Ich habe ihnen nicht gesagt, dass das Glöckchen schon geläutet hat.” Die Kleine streicht ihm über die Zweige. „Ich wollte mit dir allein sein. Willst du wissen, warum?”
Manfred nickt, dass wieder ein paar Nadeln herunterrieseln.
„Weil ich dir sagen wollte, dass du der schönste Christbaum von allen bist.”
Manfreds Silberteint verfärbt sich rot. Er bringt kein Wort heraus.

Jetzt ist es die Kleine, die lächelt. Dann bückt sie sich, hebt das Glöckchen auf und hängt es ihm um. „Wenn ich draußen bin, schüttelst du dich einfach, dann läutet es auch. Das Christkind wird es schon verstehen.”
„Da bin ich ganz sicher”, sagt Manfred. „Und mach dir keine Sorgen, ich werde ein toller Christbaum sein.” Er macht eine Pause. „Obwohl ich den schönsten Moment der Bescherung schon hinter mir habe.”

Manfred hat nicht zu viel versprochen. Er sprüht vor Leidenschaft. Er strahlt vor Stolz. Er glänzt in aller Würde. Als alles vorbei ist, denkt er an seine Freundin, die neben ihm im Wald stand. Sie würde sicher auch gern einmal Christbaum sein. Aber als Birke.

 

 

- von Andrea Fehringer & Thomas Köpf