„Legst du bitte das Handy weg“. Kein Satz wird in Familien öfter verwendet und keiner so konsequent ignoriert. „Gleich“, heißt es nur. Oder: „Ganz kurz noch.“ Beides sehr dehnbare Begriffe, für die Eltern zu lange, für die Kinder und Jugendlichen viel zu kurz. Und dann kommt noch die Antwort, nach der die Erwachsenen kurz verstummen: „Schau dich doch selber an.“

Es gibt kaum ein Thema, das Eltern so verunsichert wie der kindgerechte Umgang mit Handy und Computer. Was darf geschaut und gespielt werden? Wie lange ist nicht zu viel? Und was sind die ersten Warnsignale, dass der Konsum zur Sucht wird? Die Angst der Erwachsenen ist nicht weit hergeholt, sie fußt auf Selbsterkenntnis. Wer sich unwohl fühlt, sobald der Akku leer oder kein W-Lan in der Nähe ist, will seine Kinder bloß vor der gleichen Abhängigkeit bewahren, in die er selbst hineingeraten ist. Wenn Eltern über dieses Thema diskutieren, hört man eine Grundsehnsucht heraus: Könnte man doch nur die Zeit zurückdrehen. Sie erzählen den Kindern, dass sie schon 24 waren, als sie sich ihr erstes Handy gekauft haben, dass es Tasten hatte und nichts als telefonieren und kurze Nachrichten schicken konnte, und dass das Internet noch fast unbekannt war. Die Kinder reagieren wie die Eltern, als sie noch Kinder waren, und ihnen ihre Eltern von den ersten Orangen erzählt haben, die in der Nachkriegszeit unterm Weihnachtsbaum lagen. Dinge, mit denen man aufgewachsen ist, werden selbstverständlich. Das war beiden Orangen so, und so ist es bei den Handys.

Gespielte Aufregung?

Tatsache ist: Smartphone und Computerspiele sind aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken. Wir können sie verfluchen, wir können uns Sorgen machen, sie werden nicht mehr aus unserer Welt verschwinden. Da können wir uns noch so sehr wünschen, unsere Kinder würden auf Fahrrädern durch die Nachbarschaft kurven und Brombeeren pflücken. Tatsache ist auch, dass man weder der Spieleindustrie hilflos ausgeliefert ist noch dem Druck der Kinder, die ihrerseits dem Druck ihrer Freunde ausgesetzt sind. Und Tatsache ist, dass es kein Richtig und kein Falsch gibt, dass die Grenzen fließend sind und dass Kinder völlig unterschiedlich auf die Reize und Gefahren reagieren.

Bauchlandung in der virtuellen Realität.
Wenn ganz-kurz-noch immer länger wird, findet das Leben irgendwann woanders statt.

 

Alter schützt vor Spielsucht nicht

Altersbeschränkungen bei Spielen haben einen Grund. Bei Lego ist es kein Drama, wenn ein Zehnjähriger sich auch einmal an einem komplizierten Konstrukt versucht, das für Ältere gedacht ist. Vergreift sich ein jüngeres Kind an Computerspielen mit höherer Altersfreigabe, ist das etwas ganz Anderes. Ab einer gewissen Altersangabe wird virtuell getötet, Stresslevel und Tempo sind weit höher. Es ist Aufgabe der Eltern, die Kinder davor zu schützen. Kindersicherung und Handykontrolle sind allerdings nur scheinbar die Lösung. Es gibt immer einen Freund, der Zugang zu den verbotenen Spielen hat. Es gibt immer Werbung, die mit harmlosen jugendfreien Fußballspielen heruntergeladen wird, und das junge Publikum gezielt anspricht.
Das Einzige, was hilft, ist, aufmerksam zu sein. Ein Kind, das Dinge sieht, die es überfordern, sendet Signale aus, zum Beispiel plötzliches aggressives Verhalten.

Willkommen in deiner Welt

Warnungen vor den Gefahren von Computerspielen können auch kontraproduktiv sein. Wenn alle über ein gewisses Spiel reden, widersetzt sich ein Kind lieber den Eltern als zu riskieren, nicht dazuzugehören. Wichtiger ist es, nicht alles zu verteufeln, sondern Interesse zu zeigen. Sich erklären zu lassen, warum gewisse Spielzüge so faszinierend sind, es vielleicht sogar einmal selbst zu probieren. Darüber reden, was das Spiel auslöst. Ist es Aggression oder Spaß? Es ist überraschend, wie bereitwillig Kinder erzählen, wenn sie die Auskenner sind und die Erwachsenen ihnen zuhören. Wirklich zuhören. Und dabei ihr Handy weglegen. Für länger als nur für zehn Minuten.

 - von Friederike Leibl-Bürger -