Es gibt Stimmen, an denen stimmt alles. So eine hat nicht jeder. Aber das heißt nicht, dass man deshalb nicht singen darf. Man braucht nur zusätzlich ein bisschen Mut. Zum Nicht-perfekt-Sein. Ihn aufzubringen, ist schwer. Dabei ist es so anziehend, das Nichtperfekte. So authentisch, so menschlich. Und das klingt immer gut in den Ohren der anderen.

 

Wie sind wir bloß in diese Karaoke-Bar gekommen? Ja, klar, die Straße entlang, die Stufen hinunter, da sitzen wir jetzt, eine kleine Runde Mädels. Und dort lauert die Bühne. Das Mikrofon hat gerade eine junge Blondine in der Hand, es klingt furchtbar. Nein, ich werde nicht die Nächste sein, die die Gäste veranlasst, sich die Ohren zuzuhalten oder zu flüchten. Auf den Wodka ist auch kein Verlass, ich werde nicht lockerer. Ich traue mich nicht, den Mund aufzumachen und zu singen.

Im Chor der Mutlosen

Schade. Schon als Kind habe ich davon geträumt, ein Star zu sein, auf der Bühne zu stehen. Gut, ich bin am Teppich geblieben, und mein Mikrofon war der Fön, aber ich habe aus voller Kehle vor dem Spiegel gesungen. Das hier ist etwas Anderes. Nein, ich singe nicht. Nicht heute. Das nächste Mal.

Meine Freundin Astrid flüstert dem DJ etwas ins Ohr, dann tritt sie auf die dunkle Hinterholzacht-Bühne. Mutig, denke ich mir. Und plötzlich ertönt eine zarte Stimme, lieblich und fein, hält mit jedem Ton mit, lässt keine Note fallen. Ich bin verblüfft. Wie schön sie singen kann.

Zwei Jahre später. Astrid nimmt Gesangsstunden. Erzählt mir immer wieder davon, was das Singen mit ihr macht. Es ist wie eine Therapie, sagt sie. „Alles, was in mir steckte und sich nicht zeigen wollte, taucht plötzlich auf. Will aus mir heraussprudeln. Und ich spüre, es ist etwas Großes.“

Meine Freundin ist den Tränen nahe, wenn sie über das Singen spricht. Es bewegt sie, berührt sie. Nach und nach traut sie sich vor ihren Kindern zu singen, traut sich, ihrer Stimme zu vertrauen, sie nicht hinauszupressen oder andere zu imitieren, sondern ihre eigene Stimme zu finden. Mutig, denke ich mir. Nicht davor zu erschrecken, von welchen Gefühlen die Lieder begleitet werden. Sich trauen, sich etwas zuzutrauen, sich auf einmal alles zuzutrauen. Singen stärkt. Und zeigt einem, wer man ist. Bei Astrid ist es zumindest so.

Erhebende Stimme

An meinem Geburtstag ruft mich Astrid an. Es ist nicht das übliche Geburtstagsständchen, das sie ins Telefon trällert. Es ist unsicher, und nicht jede Note von Happy Birthday sitzt dort, wo sie laut Notenblatt hingehört. Aber ihre Stimme berührt mich tief im Inneren. Ich lache und weine gleichzeitig, es ist mein schönstes Geschenk – seit langem.

Wieder zwei Jahre später. Astrid tritt bei ihrem ersten Konzert auf. Ein Hauskonzert bei ihrer Gesangslehrerin. Sie steht zum ersten Mal vor einer kleinen Gruppe von Menschen. Und singt. Ihr Lied. Ich bin aufgeregt. Sie auch. Kurz verabschiedet sich ihre Stimme, aber dann kommt sie zurück, in einem Klang, der nun zu Astrid gehört. Der Klang ist ehrlich und echt. Und einmalig. Ich bin verblüfft. Wie schön sie singen kann. Vielleicht probiere ich es doch noch. Zwei Jahre später.

 

- von Gabi Weiss -